17. Juni 2008
... ein Einblick in die Entstehung von PERRY RHODAN Band 2443:
Ich erinnere mich noch, als ich vor Wochen in einem Forum las, wie ein Heftromanleser schrieb, es koste eben Mühe und Zeit, die Neuerscheinungen einzuscannen vor dem Lesen. Naiv wie ich war, fragte ich: »Wieso einscannen?«
Zugegeben, hätte ich ein wenig nachgedacht, hätte ich auch selbst auf die Idee kommen können, dass jener Leser blind ist. Diese kleine Begebenheit ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Blinder Leser … Blind …
Da wuchs die Neugier des Schriftstellers in mir, und ich sagte mir: Okay, das muss ich irgendwie und irgendwann in einen Roman einbauen. Wird sich schon eine Gelegenheit ergeben.
Und die kam schneller als gedacht, als ich das Exposé zum PERRY RHODAN
2443 las, der nun aktuell am Kiosk ausliegt. Im Exposé gab es zwar nirgends das Thema »blind«, aber vor mir tat sich plötzlich eine Welt auf: Ja, so kann ich das einbauen! Das passt! (Damit ist auch ein Geheimnis gelüftet: Jawoll, im Expo stand nichts davon, dass Savoire blind wird.)
Aber als ich übers Blindsein schreiben wollte, merkte ich, dass ich davon keine Ahnung habe. Ein Blinder … sieht nichts. Das kann ja wohl nicht alles sein. Was denkt er, wenn er zum Beispiel sagt: »Ich lese?« Was bedeuten Farben für ihn? Nimmt er alles »schwarz« wahr oder nimmt er »gar nicht« wahr? Wie handhabt er tausend Alltagsdetails? Je mehr ich nachdachte, umso mehr Fragen taten sich auf.
Also schrieb ich jenen Leser an … Johannes Kremser, um genau zu sein. Johannes hat nie einen PERRY gelesen, sondern Dutzende und Hunderte andere Heftromane, aber er stand mir gerne Rede und Antwort.
Ich schämte mich ein wenig, wieder und wieder nachzuhaken und in seiner Seele herumzuwühlen … aber ich tat es trotzdem, und er antwortete treu. Viele Details finden sich wieder im PR
2443, vom »Genau-an-die-Stelle-hinlegen-wo-ich-es-aufgehoben-habe« bis zum »Nicht-Schwarz«, das ich zur »persönlichen Negasphäre« uminterpretiert habe. Die Frage Was-würdest-du-tun-um-wieder-sehen-zu-können nicht zu vergessen. Und … und … und … Johannes selbst hat einen Miniauftritt im Epilog, wenn es um den Speicherkristall geht.
Die folgenden Fragen stellte ich ihm nun gezielt für diesen Homepage-Artikel.
Christian Montillon: Wie war es, plötzlich als »Rechercheobjekt« für einen Roman zu dienen? Fiel es dir schwer, Einblicke in deine Welt und deine notgedrungen besondere »Sichtweise« zu geben?
Johannes Kremser: Nein, es viel mir ganz und gar nicht schwer. Ich fand's ganz im Gegenteil sehr schön, wieder Mal über Dinge nachzudenken, die für mich ganz normal sind, für Sehende aber, wie ich mir nach einigem Grübeln auch eingestehen musste, wahrscheinlich nicht. Es hat mich sehr gefreut, dass du, Christoph, auch ein bisschen nachfragst (also einen Blinden), wie das so wirklich ist. Es gibt ja überall Klischees …
CM: Was bedeutet für dich als Blinder das Thema »Lesen« und wie gehst du überhaupt vor, wenn du etwas liest?
JK: Für mich bedeutet das Thema Lesen sehr viel. Ohne zu lesen, bekomme ich nur die Hälfte mit. Nehmen wir mal ein Fußballspiel her. Im Fernsehen sieht man, wie genau ein Tor zustande kommt, aber ein Blinder sieht das natürlich nicht (und wenn ein schlechter Kommentator am Werk ist, dann ist es doppelt so schwierig). Deshalb muss ich auf die Hilfe und Geduld eines Sehenden zurückgreifen, der mir den Schuss erklärt oder eben auf die genaue Beschreibung im Web.
Das wäre nur mal ein kleines Beispiel. Ansonsten übt Lesen auf mich genau dieselbe Faszination wie auf andere sehende Leser. Manche glauben, dass ich wegen meiner Blindheit eine besondere Phantasie habe. Sicher nicht! *lach*
Und wie ich vorgehe? Nun, ich kaufe mir die Bücher wie alle normalen Leser auch - ab jetzt wird’s aber ein wenig anders: Während sich (ich möchte es mal »normale Leser« nennen - »Sehende Leser« ist schon so oft genannt worden) gemütlich auf die Couch oder ins Bett hauen, um das Buch genüsslich zu verschlingen, muss ich mich vor den Computer hocken, den Scanner aktivieren, und dann scannen. Seite für Seite und immer schön darauf achten, dass möglichst wenig Licht im Spiel ist. Da kann es schon mal sein, dass am helllichten Tage bei mir alle Fenster mit Vorhängen verhangen und über den Scanner ein Handtuch gelegt ist.
Da habe ich schon einige - ich will es mal Meinungsverschiedenheiten nennen - mit meinen Eltern gehabt. »Du brauchst das Licht doch.« »Quatsch, wofür denn, dann kann ich das Buch noch zwanzig Mal einscannen.« Tja, so geht’s manchmal. Aber dann helfen sie schon auch oft fleißig mit. Wenn es jetzt nämlich so ist, dass einige Seiten manchmal verschmuddelt sind, müssen meine Leute daheim oder meine Freunde eingreifen. Dann müssen sie mir schön langsam die fehlenden Stellen ansagen und ich schreibe sie mit. Bei mir heißt es immer »Entweder komplett, oder gar nicht!«
CM: Warum gerade Heftromane - und wie ist dein Bezug zu Perry Rhodan?
JK: Tja, ich lese gerne, schaue gerne Fern und höre gerne Hörspiele. Eines Tages war ich dann mit meinem Papa beim Mediamarkt, und wir fanden eine gewisse Hörspielserie namens »John Sinclair«. Noch nie gehört - mal probieren. Tja, und die Hörspiele haben mir so gut gefallen, dass ich dann im Google recherchiert habe, und ich bin auf
www.gruselromane.de gestoßen. Hier waren alle Heftromane so liebevoll und schön aufgelistet, dass ich mir dachte, die musst du auch lesen. Also ab zur Trafik (auf Hochdeutsch ist das wohl der Kiosk), und ich habe mir die ersten Sinclair-Romane gegönnt. Dann ist's langsam weiter zu Zamorra gegangen und derzeit hat der Sturm bei Jerry Cotton und der Sternenfaust und natürlich
PRA geendet.
Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich ein völliger PERRY-RHODAN-Dilettant bin. Aber vielleicht ändert sich das ja mal. Wenn der Perry in der Originalserie so etwas wie PRA ist, dann werde ich wohl bald beginnen …
CM: Erzähl doch noch was über dich selbst.
JK: Tja, über mich gibt’s nicht so viel zu erzählen. Ich heiße Johannes Kremser, wohne in Kärnten (also Österreich), gehe zur Schule (übrigens in eine ganz normale, keine dieser abnormalen Blindenschulen, wo nur Blinde zusammen sind) und bin außer meiner Blindheit ganz normal - hoffe ich zumindest … *lach*
Soweit Johannes - mehr über ihn erfährt jeder indirekt, der den aktuellen Roman liest. Welche Details aber von ihm übernommen sind und welche nicht, das wird wohl ein Geheimnis bleiben. Johannes war übrigens erfreut zu hören, dass es bei PR und PRA ebooks und sogar Lesungen gibt - das erspart ihm eine Menge Arbeit. Übrigens lässt er sich nach dem Einscannen die Romane vom Computer vorlesen. Er nennt es aber nicht »hören«, sondern »lesen«.
An dieser Stelle danke ich dir, Johannes, noch mal herzlich - und wir hören bestimmt wieder voneinander. Viel Spaß mit dem Hörbuch zu PR
2443, das bereits zu dir unterwegs sein dürfte.